Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen (DIS) waren parteiunabhängige Hochschulvereinigungen in Westdeutschland und West-Berlin, die sich ab 1957 gründeten. Mitte der 1960er Jahre bestanden gleichzeitig bis zu 19 Deutsch-Israelische Studiengruppen mit insgesamt etwa 600 bis 800 Mitgliedern.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 11. Die Studiengruppen setzten sich für die NS-Aufarbeitung, gegen den Antisemitismus und für engere Kontakte mit Israel ein.
Geschichte Gründung (1957–1959) Die erste Deutsch-Israelische Studiengruppe gründete sich am 28. Juni 1957 an der Freien Universität Berlin auf Betreiben des israelischen Studenten Jochanan Bloch.Michael Jenne: DIS kam vor DIG, in: DIG Magazin. Zeitschrift der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Nr. 4 (2016), 24. Nach dem Vorbild der Berliner Gruppe formierten sich ab 1959 auch an anderen westdeutschen Universitäten entsprechende Gruppen. Am 25. Mai 1961 schlossen sich die Studiengruppen zum Bundesverband Deutsch-Israelischer Studiengruppen zusammen (BDIS). Dem Kuratorium des BDIS gehörten unter anderem Franz Böhm, Helmut Gollwitzer, Romano Guardini, Theodor Heuss, Gertrud Luckner, Carlo Schmid und Karl Ullstein an.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 10f.
Forderung der NS-Aufarbeitung und Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel (1960–1965) Anfang der 1960er Jahre engagierten sich die Studiengruppen für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus und unterstützten an verschiedenen Hochschulstandorten die Wanderausstellung Ungesühnte Nazijustiz.Stephan Alexander Glienke: Die Ausstellung „Ungesühnte Nazijustiz“ (1959–1962). Zur Geschichte der Aufarbeitung nationalsozialistischer Justizverbrechen, in: Nomos Universitätsschriften, Bd. 20, Baden-Baden 2008, S. 103. Ein weiteres wichtiges Thema war die Forderung der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Israel, der man mittels Veranstaltungen, Petitionen und Protestkundgebungen Nachdruck verlieh.
Krise nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen (1965–1967) Nachdem 1965 mit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und Israel die zentrale Forderung der DIS erfüllt worden war, entwickelte sich aus den Deutsch-Israelischen Studiengruppen die 1966 gegründete Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG). Als Verbindungsperson zwischen beiden Gruppen fungierte der evangelische Theologe Rolf Rendtorff, der 1963 mit einer DIS-Gruppe erstmals den Staat Israel bereist hatte.Gerhard Gronauer: Der Staat Israel im westdeutschen Protestantismus. Wahrnehmungen in Kirche und Publizistik von 1948 bis 1972 (AKIZ.B57). Göttingen 2013, S. 181 f.
Sechstagekrieg und „Kritische Solidarität“ (1967) Infolge des Sechstagekrieges 1967 entwickelte sich im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS), zu jener Zeit der größte linke Studierendenverband, eine starke antizionistische Stimmung. Hatten der SDS und der BDIS Anfang der 1960er Jahre in hochschulpolitischen Fragen häufig eng zusammengearbeitet (Höchster Abkommen), protestierten nach 1967 zahlreiche Studiengruppen gegen antizionistische Positionen des SDS.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 259–279. Der BDIS sprach sich in der Folge für „kritische Solidarität“ mit Israel aus.Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, Deutsch-Israelische Gesellschaft, Bundesverband Deutsch-Israelischer Studiengruppen in Verbindung mit dem Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland u. a. (Hrsg.): EMUNA – Horizonte. Zur Diskussion über Israel und das Judentum, V. Jg. (1970), S. 145.
In der Berliner Studiengruppe, in der engere Verbindungen zum SDS bestanden, gewann 1969 die antizionistische Linie, die unter anderem von Eike Geisel vertreten wurde, die Oberhand. Von anderen Studiengruppen sowie dem Bundesverband wurden die Positionen der Berliner Gruppe nicht unterstützt, und 1970 entzog man ihr die Unterstützung zur Herausgabe der Verbandszeitschrift diskussion, woraufhin deren letzte Ausgabe im Dezember 1971 nicht mehr im Auftrag des BDIS erschien.Deutsch-Israelische Studiengruppe e. V. an der Freien Universität Berlin: diskussion, 12. Jg., Nr. 30/31 (1971), Impressum.
Kontakte zu israelischen Studierendenverbänden und Auflösung (1967–1972) Ende der 1960er Jahre setzten sich die Studiengruppen für offizielle Beziehungen mit israelischen Studentenorganisationen ein, mit denen man seit fast einem Jahrzehnt inoffizielle Kontakt pflegte. Im September 1969 beschloss die National Union of Israeli Students, offiziell mit dem BDIS zusammenzuarbeiten.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 298–308.
Die letzte Bundesdelegiertenkonferenz der DIS fand am 22. April 1972 in Frankfurt am Main statt. Der Bundesverband und die meisten Ortsgruppen lösten sich im Laufe der 1970er Jahre ohne formellen Beschluss auf. Einzelne Gruppen existierten noch in den 1980er Jahren.Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025, S. 308.
Publikationen DISkussion Die Zeitschrift DISkussion wurde erstmals im Januar 1960 als Vereinsorgan der Berliner Studiengruppe herausgegeben. Ab Juli 1961 erschien sie im Auftrag des BDIS und mit dem Untertitel Zeitschrift für Fragen der Gesellschaft und der deutsch-israelischen Beziehungen.Deutsch-Israelische Studiengruppe an der Freien Universität Berlin (im Auftrag des Bundesverbandes der Deutsch-Israelischen Studiengruppen): DISkussion. Zeitschrift für Fragen der Gesellschaft und der Deutsch-Israelischen Beziehungen, 2. Jg., Nr. 7 (1961), Impressum. Mit einer Auflage von 5.000 bundesweit verbreiteten Exemplaren entwickelte sich die Zeitschrift Anfang der 1960er Jahre zur zentralen Publikation der Deutsch-Israelischen Studiengruppen.
Dialog Dialog war das Vereinsorgan der Münchner Studiengruppe. 1963 erstmals herausgegeben, erschien die Zeitschrift mit einer Auflage von 1.000 Exemplaren bis zu vier Mal pro Jahr.
Du-Siach Du-Siach war eine hebräischsprachige Zeitschrift, die vom BDIS mit Unterstützung der deutschen Botschaft in Tel Aviv sowie des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung ab April 1967 herausgegeben wurde. Die Zeitschrift hatte eine Auflage von 5.000 Exemplaren und wurde an israelischen Universitäten verteilt. Ein Anliegen der Zeitschrift war es, israelische Studierende über Deutschland zu informieren.
Emuna Horizonte Als eines der letzten Projekte gab der BDIS ab 1970 gemeinsam mit dem Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für Christliche-Jüdische Zusammenarbeit, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und dem Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland die Zeitschrift Emuna Horizonte heraus.
Bekannte Mitglieder
Kuratoriumsmitglieder In den Kuratorien einzelner Studiengruppen sowie des Bundesverbands versammelten sich unterschiedliche Persönlichkeiten aus Gesellschaft, Wissenschaft und Politik.
Freie Universität Berlin
Goethe-Universität Frankfurt
Ludwig-Maximilians-Universität München
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Bundesverband
Literatur Jonas Hahn: Auf dem Weg zu diplomatischen Beziehungen. Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen Kontakte mit Israel 1957-1972, in: DIG Magazin. Zeitschrift der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Nr. 2 (2025), S. 10 ff. Jonas Hahn: Die Deutsch-Israelischen Studiengruppen und die frühen studentischen Kontakte mit Israel 1948–1972, Göttingen 2025. Michael Jenne: DIS kam vor DIG vom 13. Juli 2016, in: DIG Magazin. Zeitschrift der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Nr. 4 (2016), 24 f. Thomas Käpernick: Die Studentenrevolte von 1968: Vom Philosemitismus zum Antisemitismus? Anmerkungen zur Geschichte der Deutsch-Israelischen Studiengruppen, in: Irene A. Diekmann, Elke-Vera Kotowski (Hrsg.), Geliebter Feind. Gehasster Freund. Antisemitismus und Philosemitismus in Geschichte und Gegenwart, Neue Beiträge zur Geistesgeschichte Bd. 7, Berlin 2009, S. 439–466. Thomas Lennert: Erinnerungen an die Gründungsjahre der Deutsch-Israelischen Studiengruppe in Berlin, in: Deutsch-Israelischer Arbeitskreis für Frieden im Nahen Osten e. V. (Hrsg.), Israel & Palästina, II–III (2015), S. 47–49.
Weblinks Nina Diezemann: Luftpost nach Jerusalem – Webseite der Freien Universität Berlin, ursprünglich veröffentlicht am 14. Februar 2015 in der Tagesspiegel-Beilage der Freien Universität. Miriam Rürup im Gespräch mit Jonas Hahn: Umwegdiplomatie. Studentische Anfänge deutsch-israelischer Beziehungen – Podcast Jüdische Geschichte kompakt, Staffel 16.1, veröffentlicht am 1. August 2025.
Einzelnachweise
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